Die Höhle als Symbol
Symbol of womb, passages, transformation, transition, holiness, nobility, power, rebirth, resurrection, safety.
Einige der frühesten Religionen der Menschheit sahen in der Höhle das Sinnbild des Schoßes von Mutter Erde. Unter der Sonnenpyramide von Teotihuacan in Mexiko befindet sich eine heilige Höhle: Sie ist wie eine Blüte mit vier Blütenblättern geformt, welche den vier Himmelsrichtungen Norden, Süden, Osten und Westen entsprechen. Die Pyramide wurde über der Höhle errichtet, um diese sakrale Stätte zu schützen. Die Höhle bildete das Zentrum für die Verehrung von Wassergöttern; in der Antike wirkte dort vermutlich ein bedeutendes Orakel.

In der Kultur der Azteken waren Höhlen geheiligte Kultorte: Der Mythos besagt, dass der Gott Tecuciztecatl in eine Höhle stieg und sich dort in den Mond verwandelte. Man glaubte zudem, dass Männer und Frauen aus dem Schoß der Höhlen hervorgegangen seien – die Frauen aus einer Höhle, die Männer aus einer anderen.
Zahlreiche indigene Völker Nordamerikas gruben Zeremonienhöhlen in die Erde, um sich dort zu versammeln und ihre Gottheiten zu verehren. Im Süden errichteten die Ureinwohner Erdhügel (Mounds), in die das Sonnenlicht der Sommer- und Wintersonnenwende genau bis in das Zentrum der Höhle fällt. Höhlen stellen für viele Stämme den heiligen Ursprungsort (Ort des Hervortretens) dar, aus dem ihre Ahnen einst das Licht der Welt erblickten.
Im Hinduismus galten Höhlen als heilige Stätten: Sie repräsentieren die Yoni der Großen Mutter und den Durchgang in die Unterwelt. Die vier heiligen Höhlen von Sikkim wurden als Wohnsitz göttlicher Kräfte geweiht, wobei jede Höhle einer Himmelsrichtung zugeordnet ist; sie versinnbildlichen geistige Wandlung und schenken Pilgern Segen und inneren Frieden.
Zudem symbolisieren Höhlen Übergangsriten: Bei verschiedenen indigenen Völkern Nord- und Südamerikas legten sich Schamanen vor Höhleneingängen nieder; in Trance wurden sie symbolisch in die Höhle entrückt und zerstückelt, woraufhin heilige Relikte in ihren Körper eingesetzt wurden, um sie als geheiligte Heiler wiedergeboren hervortreten zu lassen.
Platon, der antike griechische Philosoph, schuf mit dem berühmten Höhlengleichnis ein Gleichnis für die Welt der Menschen: Die darin gefangenen Menschen sind an falsche Wahrnehmungen und gesellschaftliche Scheinbilder gekettet. Wahres Leben beginnt erst, wenn der Mensch aus der Finsternis der Höhle heraustritt und den Übergang zur wahren Wirklichkeit der Sonne vollführt. Auch Zeus, der oberste Gott Griechenlands, wurde der Sage nach als Kind in einer Höhle auf Kreta verborgen gehalten, um nicht von seinem Vater Kronos verschlungen zu werden; verwandelt trat er aus der Höhle hervor und stürzte den Tyrannen.

Im antiken Rom verehrten die Anhänger des Mithraskultes ihren Gott in unterirdischen Höhlenheiligtümern (Mithräen). Mithras ging aus dem persischen Gott Mithra hervor und wurde von römischen Legionären und Kaisern als Sonnengott verehrt. Mithras wurde aus dem Felsen geboren und opferte in einer Höhle den weißen Urstier, dessen Leib sich in den Mond wandelte. Die Mithrashöhle symbolisierte kosmische Ordnung, Adel und Macht. Als das Christentum das Römische Reich erfasste, setzten die Gläubigen die Verehrung des Mithras heimlich in unterirdischen Felshöhlen fort.